Liebe Leser,
da das hier ja zum Glück kein Monolog ist… und ich neben einem Haufen durchgeknallter Hedonisten und Betriebswirte auch noch eine Hand voll belesene Freunde mein Eigen nennen darf… ist es mir eine besondere Ehre, heute unseren ersten Gastbeitrag anzukündigen!
Er handelt vom Denken, vom Sprechen und von einem Verständnis der Welt, welches Maßgeblich durch das Eine wie das Andere bestimmt wird.
Also nicht wundern, wenn hier gleich keine bunten Pillen tanzen… aber nach 497 YouTube Clips musste irgendwann der Tag kommen… an dem Ihr, liebe Leser, auch hier mal mit dem Denken anfangen könnt.
Mein Dank gebührt Krise - für diesen ausgesprochen geistreichen Beitrag. Gerne mehr von sowas!
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Per Linguas Ad Mundum
“Sprache ist Denken”, erzählt eine alte Volksweise. Noch richtiger hieße es: Muttersprache ist Denken.
Denn das Denken, wie es das Individuum kennt, ist in höchstem Maße abhängig von der prägenden Muttersprache mit ihrem Sprach- und Sprechsystem.
Schließlich ist es bei genauerer Betrachtung eben die Grammatik einer gegebenen Sprache, die mit ihren Strukturen die Betrachtung der uns umgebenden Welt vorgibt.
Anders gesagt:
Wir können die Welt nur so verstehen, wie es unsere Grammatik ermöglicht. Die Art und Weise, Dinge und Vorgänge in der Welt zu analysieren, zu beschreiben und weiterzugeben ist uns durch das verinnerlichte grammatikalische Regelwerk vorgegeben. Auf dieser Basis fußt das gesamte innerliche und äußerliche Denken, das in Form von Satzbildungen intra- und interpersonell für die Entstehung und Vermittlung von Gedanken sorgt.
Einmal geprägt, ist es sehr schwer bis unmöglich von einer solchen Denkweise wieder loszukommen.
Soviel zum Thema: Die Gedanken sind frei…
So ist es beispielsweise in unserer indoeuropäischen Sprachfamilie vorgezeichnet, dass wir, ihre Sprecher unser gesamtes Verständnis um die Subjekt-Objekt-Beziehung herum entwickeln, nach der es immer einen “Täter” (oder “Agens”) gibt, der eine “Sache” in einer bestimmten Art und Weise ausführt.
einfache Beispiele:
Ich koche mir fix ein Ei.
Ich halte meinen Stift.
Der Ferrari fährt sehr knapp an mir vorbei.
Christian haut Christof.
…
Dieses subjektiv verzerrte, binäre Auffassen der Realität - Ich vs. Nicht-Ich | Du vs. Nicht-Du | der Ferrari vs. Ich | Ich vs. der gehaltene Stift, etc. - veranlasste auch den Begründer der klassischen Logik, Aristoteles, die Welt in eben solche binären Muster wie wahr vs. nicht wahr (=falsch), groß vs. nicht groß (=klein) etc. einzuteilen. Heraus kamen logische Werkzeuge wie “Syllogismen“, die zu oft absolute Aussagen bewiesen, scheinbar ohne dass irgendjemand überhaupt die Eignung eben dieser wissenschaftlichen Werkzeuge angezweifelt hätte. Das kann man wohl unter “Respekt vor dem Alter” verbuchen.
Es gab immer wieder Bestrebungen, diese Maximal-Pol-Gefälle in anderen Arten der Kommunikation aufzulösen, bzw. zu relativieren oder für komplexere Zusammenhänge zugänglich zu machen. Beispielsweise in der Malerei durch Schattierungen und Grauwerte, in der Informatik durch “Fuzzy-Logic” oder auch in der Philosophie durch die sog. “Maybe-Logic” (siehe: Schrödingers Katze von Robert Anton Wilson).
Doch die famose Welt wäre nicht unsere Welt, wenn es da nicht überraschende Alternativen gäbe, die zeigen, dass alles auch ganz anders funktionieren kann.
Diese Alternativen sind zum Teil viel älter, als unsere Sprachen.
Nehmen wir die Hopi-Indianer. Sie kennen Subjekte und Objekte in der Form, in der wir sie benutzen, nicht, sind aber gerade deswegen in der Lage, viel komplexere Sachverhalte und relationale Beziehungen zu erkennen und nachzuvollziehen. Sie überblicken die Realität vielschichtiger und leiten andere Schlüsse ab.
Beispielsweise gibt es in ihrem Denkkosmos verschiedene Gültigkeitsbereiche von Aussagen, oder werden Zustandsänderungen durch Einwirkung des eigenen Handelns als Manifestation begriffen.
So würde ein Satz wie:
Er lädt die Leute zu einem Festessen
im Hopi in etwa so aussehen:
Gekochte Nahrung - Essende - herbei holen - ist im Begriff zu geschehen - durch das Handeln, das von jener Person ausgeht
(Es ist sehr schwierig, die Unterschiedlichkeiten dieser Ausdrucksweisen ohne Schaubilder und Grafiken zu verdeutlichen)
Im Wesentlichen sind die Hopi bei ihrer Beschreibung der Realität und der Gedankenwelt in der Lage, sehr viel parametrisiertere Gebilde mit verschiedensten inneren Abhängigkeiten zu formen und weiterzugeben, während es in unserer Sprachfamilie nicht über die Beziehung von Täter zu Tat hinaus reicht.
Dies kann nur durch eine Folge längerer, erklärender Sätze befriedigend gelöst werden, die aber mehr und mehr an Exaktheit verlieren, je unmathematischer die Wörter werden.
Wenn wir nun das bisher gesagte auf uns wirken lassen und erkennen, dass eine moderne, sich globalisierende Welt, in der das Englische sich als “Lingua Franca” durchsetzt und diese Sprache gleichzeitig stark an Vereinfachung, Verknappung und Abflachen (”Pidgin“) leidet, so wird uns ebenfalls bewusst, dass mit der Verdrängung anderer Sprachfamilien auch das gesunde Korrektiv für unsere singuläre, durch Sprache geprägte Auffassung verloren geht.
Eine geistige Inzucht durch Sprache einerseits steht dem Verstehen der komplexen Welt durch Sprache andererseits entgegen.
Fazit:
Auch hier ist positives Denken gefragt, sieht man, dass die Menschen heute anders kommunizieren und weltweit interagieren, sich in ihren gewohnten Sprachen neue Formen suchen und sich die Sprache rasanter denn je mit neuen Bedeutungsträgern füllt.
Vielleicht sind die Menschen heute gar nicht mehr nur auf die Komplexität der Sprache angewiesen, weil sie metasprachlich durch das Weglassen und Neuverknüpfen - mitunter auch über Mediengrenzen hinweg - ebenfalls hoch relationale und hyperinterpretierbare Zusammenhänge kreieren und weitergeben können.
Wenn das zutrifft, bedeutet das tatsächlich, dass die Menschheit gelernt hat mit dem exponentiellen Zuwachs an Information und Komplexität zurecht zu kommen.
[Dank an: Benjamin Lee Whorf - Sprache Denken Wirklichkeit - 1963]